Modul an der BFH: Soziale Arbeit in der digitalisierten Gesellschaft

„Internet! Is that thing still Around?“
Homer Simpson

Für uns auf der Geschäftsstelle sozialinfo.ch ist die Digitalisierung der Gesellschaft seit langem ein Thema. Insbesonders haben wir uns mit der Bedeutung von Social Media in der Sozialen Arbeit auseinandersgesetzt. Dazu haben wir vor zwei Jahren einen Leitfaden zuhanden der Professionellen der Sozialen Arbeit publiziert.

Die Digitalisierung hat seit einigen Jahren einen zunehmenden Einfluss auf unser Leben und wird auch künftig zu weiteren Veränderungen führen. Die Wirtschaft, die Medien und die Politik sind schon jetzt davon betroffen. Durch Uber, AirBnb und andere Plattformen wird auch die Arbeitswelt zunehmend davon beeinflusst. (Dazu hier ein Artikel zum Thema „Die Gefahren der Gig Economy).

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Auch für die Soziale Arbeit erhält die Digitalisierung zunehmende Bedeutung. Im Artikel „Soziale Arbeit auf Twitter, Facebook und Co. – Eine Bilanz“ haben wir versucht zusammenzufassen was sich allein im letzten Jahr auf den Social Media Kanälen in Bezug auf die Meinungsbildung über soziale Themen getan hat. Gerade im Zug der Diskussionen um die SKOS und KESB haben nicht nur die Medien das Gefäss Twitter genutzt, sondern auch Politiker und Bürger haben ihre Meinung getwittert.
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Medienkompetenz: relevant für die Soziale Arbeit

Rückschau auf das FHNW-Praxisforum 2013 in Olten – von Martin Heiniger

Children with tablet computerDie Art und Weise, wie wir kommunizieren, verändert sich durch Social Media und das Web2.0 markant. Dadurch verändern sich auch die Gesellschaft und damit unsere Art zu leben. Soweit die Ausgangsüberlegung des Workshops „gesellschaftliche Veränderungen durch neue Kommunkationsformen“, den ich anlässlich des Praxisforums „Social Media und Soziale Arbeit“ der FHNW anbieten durfte.

Was ändert sich denn konkret an unserem Leben? Für den Workshop hatte ich 7 Thesen vorbereitet, die dazu dienen sollten, Veränderungen fassbar zu machen, die sich abzeichnen und z.T. schon Realität sind. Angesprochen wurden Themen wie Wissenskultur, Selbstdarstellung, neurophysiologische Auswirkungen, Veränderung begrifflicher Gehalte (z.B. Freundschaft) oder unser Selbstbild unter den Bedingen von Big Data. In der Diskussion zeigte sich ein wichtiger gemeinsamer Nenner all dieser Themen: die Medienkompetenz. Die entsprechende These lautete:

Nun läuft man immer Gefahr, dass ein Begriff an Schärfe und Brauchbarkeit verliert, wenn er zu stark überfrachtet wird. Zur Konkretisierung sollten deshalb hier ein paar Dimensionen des Begriffs beschrieben werden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit notabene.

Zugang + Medienkompetenz = Teilhabe

Gesellschaftliche Teilhabe bedingt Zugang zu wichtigen Ressourcen. In der mediatisierten Welt heisst das: wer über keine entsprechende technische Infrastruktur verfügt, dem ist der Zugang verwehrt. Dies gilt im Besonderen auch für Menschen mit Behinderungen, die noch auf zusätzliche Mittel angewiesen sind.

Zugang und Verfügbarkeit der notwendigen infrastrukturellen Ressourcen allein reichen jedoch nicht:

Man würde denken, dass auch die Schülerinnen und Schüler mit weniger Büchern zu Hause nun einfacher an Wissen gelangen. Doch weil die Gewichtung der Informationen entscheidet, entsteht vielmehr eine digitale Kluft. Die technischen Hilfsmittel vergrössern den Rückstand der bildungsfernen Schichten noch zusätzlich.“ (Philipp Wampfler, Interview in der WOZ)

Hier ist eine kognitive Dimension der Medienkompetenz angesprochen: das notwendige Vorwissen, um mit den Inhalten im Internet überhaupt etwas anfangen zu können. Die Grenze zwischen „Medienkompetenz“ und einem übergeordneten „Kulturwissen“ werden hier unscharf. Klar ist, dass das Internet erst zum Mittel der Aufklärung und Chancengleichheit wird, wenn sowohl der Zugang gewährleistet ist, als auch die Menschen über den notwendigen kulturellen Hintergrund verfügen, um es gewinnbringend zu nutzen. Andernfalls drohen neue Formen des Ausschlusses.

Kritikfähigkeit

Medienkompetenz ist daher als Kulturtechnik zu verstehen, die mehr beinhaltet als bloss die wichtigsten Kommunikationskanäle zu kennen und bedienen zu können. Der digitale Lebensstil erfordert ein zunehmendes Mass an Wissen, Fähigkeiten und Reflexion. Es braucht eine

„(…) Medienkompetenz, die sich nicht auf technische Fertigkeiten beschränkt, sondern einen kritischen Umgang mit digitalen Medien und einen sinnvollen Einsatz verschiedener Kommunikationsinstrumente ermöglicht.“ (S. Ingold / R. Eugster in: Handbuch Sozialwesen Schweiz, S. 198)

Der hier angesprochene kritische Umgang bezieht sich beispielsweise auf die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem, Richtiges von Falschem unterscheiden oder, ganz generell, die Qualität von Inhalten einschätzen zu können. Durch die immer grössere Flut an zugänglichen Informationen, aber auch durch den user generated content ist diese Anforderung gestiegen. Diese Art der Kritikfähigkeit ist mit dem oben genannten kulturellen Vorwissen natürlich eng verbunden.

Digitale Selbstverteidigung

Ein kritischer Umgang ist aber auch geboten in Bezug auf den Umgang mit eigenen Daten. Zu grosse Freigebigkeit kann sich negativ auswirken. Eine mögliche Antwort zeichnet die Wortschöpfung der „digitalen Selbstverteidigung“ vor. Sie beinhaltet sowohl das notwendige Wissen und Bewusstsein darüber, wie diese neuen Technologien und Anwendungen funktionieren, aber auch das Beherrschen der wichtigsten Tricks, um sich vor unliebsamen Eingriffen und Übergriffen zu schützen.

„Entscheidend ist, wie viel ich von meinem Privatlaben im Netz sehen möchte. Da kommt die digitale Selbstverteidigung ins Spiel. […] Alles, was ich einmal ins Web stelle, kann gegen mich verwendet werden. Man hat im Internet das Recht, jemand anderes zu sein. Es ist meine Identität und Freiheit. Denn: Wollen wir ständig unter der Lupe von Unternehmen sein, wenn wir uns im Web bewegen? Ehrlichkeit rächt sich am längsten, weil das Internet nicht vergisst.“ (Steffan Heuer im Tages Anzeiger )

Bedeutung für die Soziale Arbeit

Das physische und das digitale Leben verschmelzen zusehends. Je weniger Lebensbereiche es gibt, die nicht durchdrungen sind von der Allgegenwart der virtuellen Welt, desto wichtiger ist ein informierter und kompetenter Umgang damit. Deshalb kann man behaupten, dass Medienkompetenz zu einer zentralen Kulturtechnik geworden ist. Vielleicht ist sie das schon lange; es scheint jedoch, dass ihre Dringlichkeit aufgrund der neuen Möglichkeiten und Gefahren im Web2.0 gestiegen ist.

Um die Lebenswelt der Klientschaft zu kennen und verstehen, aber auch um sie kompetent beraten zu können, sind für die Professionellen der Sozialen Arbeit eigene Medienkompetenzen unabdingbar. Der Sozialen Arbeit kommt aber auch eine wichtige Rolle zu, wenn es darum geht, die Medienkompetenzen ihrer KlientInnen zu fördern und die notwendige Medienbildung zu vermitteln.

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Datensammlung und Überwachung von Internetnutzern durch die US-Regierung

Datenschutz Tastatur fingerWie letzte Woche enthüllt wurde, sammelt der amerikanische Geheimdienst NSA Internet-Nutzungsdaten im grossen Stil. Nicht nur werden Telefongespräche von US-Bürgern abgehört, sondern auch Nicht-US-Bürger werden überwacht. Die Daten besorgt sich die Behörde bei einigen der grössten Internetfirmen (Google, Facebook, Microsoft, Apple etc.).

Wie wird sich diese Geschichte entwickeln? Wird die Empörung die betroffenen Behörden zwingen, ihre Praxis zu ändern? Oder haben wir diese Überwachung, die schon lange erahnt und nun zur Gewissheit wurde, „innerlich schon lange akzeptiert“, wie dies Martin Weigert in seinem Artikel schreibt (siehe unten)?

Und was soll man tun, wenn man nicht einfach klein beigeben möchte, aber trotzdem das Internet weiterhin nutzen will. Gibt es so etwas wie eine wirksame digitale Selbstverteidigung?

Wir haben einige Artikel ausgewählt und möchten Ihnen hier einen Überblick über die wichtigsten Fakten und Meinungen bieten.

Eine gute Übersicht bietet ein Artikel auf Spiegel online. http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/prism-was-ueber-den-us-geheimdienst-nsa-durchgesickert-ist-a-904675.html

Das sagen Larry Page (Google) und Mark Zuckerberg (Faceboook) dazu: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/zuckerberg-und-page-dementieren-kenntnis-ueber-nsa-programm-prism-a-904505.html

Hanspeter Thür nimmt Stellung zu den Enthüllungen: http://www.derbund.ch/schweiz/standard/Ich-wuerde-nie-ueber-einen-USService-mailen/story/23317779

Martin Weigert schreibt wie, er als User empört ist von den Enthüllungen: http://netzwertig.com/2013/06/10/us-internetueberwachung-prism-die-unangenehme-wahrheit-die-wir-schon-kannten/

Patrick Beuth: Der Weg zum schwarzen Gürtel in Privatsphäre 

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Gesetzliche Grauzonen in Social Media

Green paragraphGanz klar – durch die sozialen Netzwerke wurde eine neue Art der Kommunikation erschaffen, die in der heutigen Phase rechtliche Grauzonen mit sich bringt.

Die einen sind der Meinung, Privatsphäre sei überholt und andere meinen, die Privatsphäre müsse besser geschützt werden.

Zu diesem Thema sind uns in den letzten Tagen gleich mehrere Artikel aufgefallen.

Jagd auf HartzIV Betrüger über Facebook
In Deutschland titelte die Bild am Freitag 24. Mai. 2013 – Facebook-Jagd auf HartzIVBetrüger. (zum Artikel) Auch in der Schweiz kennen wir die Sozial-Detektive und beim erarbeiten unseres Leitfadens „Soziale Arbeit und Social Media“ war dies für uns ein wichtiges Thema.

Kurt Pärli sagt dazu: „Ein Grundsatz lautet: Die Informationsbeschaffung erfolgt beim Klienten. Wo das nicht möglich ist, oder wo es sachliche Gründe gibt, die Information zu überprüfen, stellt sich die Frage: Welche Mittel darf ich einsetzen? Da gibt es wieder einen Grundsatz: Transparenz. Ich muss den Klienten informieren, dass ich weitergehende Recherchen mache. Ich handle entweder mit Einwilligung oder auf einer gesetzlichen Grundlage. Ich darf also Informationen, welche mir mein Klient nicht gibt, über Internet oder über Social Media beschaffen, wenn ich das transparent mache und wenn ich dem Klienten Gelegenheit gebe, Stellung zu nehmen zu den Informationen. Das steht im Gegensatz zu den Strafermittlern oder Inspektoren, diese müssen keine Transparenz herstellen.“

Tanz dich Frei – Profil auf Facebook
Bern hat eine turbulente Samstagnacht erlebt. Am Tag darauf laufen die Diskussionen heiss, wer denn nun für die Eskalation verantwortlich ist.
Einerseits stellt sich die Frage, ob Facebook verantwortlich gemacht werden kann weil dieses die Plattform für anonyme Veranstaltungsaufrufe bietet.

Anonyme Accounts bei Facebook
Reto Nause, CVP-Sicherheitsdirektor der Stadt Bern, verlangte laut Medienberichten bereits im Vorfeld von Facebook die Namen der Organisatoren. Facebook habe darauf nicht reagiert. Dazu teilte Facebook via blick.ch mit „Das Ziel von Facebook ist es, «die Balance zwischen den Bedürfnissen von Strafverfolgungsbehörden bezüglich Informationen und der Privatsphäre der Nutzer» zu wahren“ mit Verweis auf seine Richtlinien.

Laut Thomas Hutter sei Facebook sehr kooperativ wenn rechtliche Vorstösse vorliegen – es gibt sogar ein Handbuch für Strafvollzugsbehörden. (zum Artikel) Vielleicht muss hier geklärt werden, unter welchen Bedingungen Facebook Daten herausgeben soll bzw. muss.

In Deutschland wiederum hat es, nach einer Beschwerde von Thilo Weigert (Landeszentrum für Datenschutz ULD), erst im April einen Gerichtsbeschluss gegeben, der besagt, dass Facebook weiterhin Konten von Nutzern sperren darf, die sich nicht mit ihrem echten Namen (Klarnamen) registrieren. (zum Artikel)

Im Zusammenhang mit „Tanz dich frei“ verlangen nun die Behörden die Herausgabe der Namen, eines Anonymen-Accounts – welcher laut Facebook-Richtlinien eigentlich gar nicht erlaubt ist.

Diese kurze Zusammenstellung zeigt, dass wir uns rechtlich in einem Graubereich bewegen: Die Technologie ist dem Gesetz voraus, oder wie Kurt Pärli es umschreibt: „Ein schönes Bild für den gegenwärtigen Zustand zeigt den Datenschützer, wie er die virtuellen Netze mit einer rostigen Flinte durchstreift. Er kämpft im Cyberwar, aber mit untauglichen Mitteln.“

In einigen Ländern ist es hingegen überlebenswichtig, sich anonym bei Facebook äussern zu können, um nicht vom Staat verfolgt zu werden. Ist somit die Strategie von Facebook doch richtig, im Einzelfall zu beurteilen, wann persönliche Informationen herausgegeben werden oder nicht?

Bezüglich des Umgangs mit Social Media bedeutet dies, dass noch viele Fragen ungeklärt sind und es wohl noch einiger öffentlicher und rechtlicher Diskussionen bedarf.

Update vom 31. Mai 2013:
Politblog – Simon Koch: Facebook ist nicht für die Krawalle in Bern verantwortlich

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