Soziale Arbeit & Social Media

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Unsere Gesellschaft wurde durch den Boom der neuen Medien regelrecht überschwemmt. Wie die Anwendungen in zehn Jahren aussehen und heissen werden ist ungewiss. Gewiss ist aber, dass sich die neue Art der Kommunikation etablieren wird und niemand darum herum kommen wird, sich damit auseinanderzusetzen und Kommunikation neu und anders zu leben. Dies gilt auch für den Bereich der Sozialen Arbeit.
Welchen Stellenwert haben Social Media-Kanäle für die Soziale Arbeit? Und welchen
Stellenwert sollten sie haben? Diesen Fragen sind Barbara Beringer, Martin Heiniger und
Patrick Blaser von der Geschäftsstelle sozialinfo.ch nachgegangen.

Die Statistik
Eine statistische Erhebung im Online-Branchenbuch von sozialinfo.ch zeigt, dass die Social Media-Aktivitäten im Bereich Soziale Arbeit noch bescheiden und auch nur in kleinen Schritten zunehmend sind.

statistik_praesentation_1Die Studie
Interessant ist der Vergleich der obigen Grafik mit den Ergebnissen einer Studie der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ), die 2011 erstmals durchgeführt und 2012 wiederholt wurde.

In dieser Studie sind die Social Media-Aktivitäten von Schweizer Unternehmen erhoben
worden. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Neun von zehn der befragten Unternehmen haben Social Media-Präsenz. Das entspricht einer Zunahme von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
  • Die Hälfte dieser Unternehmen hat die Bedeutung einer definierten Social Media-Strategie erkannt und umgesetzt: das entspricht ebenfalls einer Zunahme von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
  • Das Social Media-Ziel «Image- und Reputationsaufbau» belegt mit 87 Prozent den ersten Rang. Die grössten Wachstumsraten verzeichnen die Ziele: «Vertrauen in das Unternehmen schaffen», und «Beziehung zum Kunden sowie Journalisten pflegen».
  • Als grösste Schwäche der Social Media wird der hohe personelle und zeitliche Aufwand gesehen. Die Angst vor Kontrollverlust und Indiskretionen ist mittlerweile gesunken.

Ein direkter Einblick in die Studie (Alter Link: www.socialmediastudie.ch – Neuer Link: bernetblog.ch/2013/04/26/social-media-studie-beteiligung-schweiz-deutschland-usa/) lohnt sich, gibt sie doch detailliert Aufschluss nicht nur über die Aktivitäten, sondern auch über die Ziele und die Strategie der befragten Unternehmen.
Während sich also die Schweizer Unternehmen vom Einsatz von Social Media einen Mehrwert versprechen, scheint sich diese Erkenntnis im Bereich der Sozialen Arbeit noch nicht durchgesetzt zu haben. Das hat die Geschäftsstelle sozialinfo bewogen, eine breite Palette von Informationen und Erfahrungen zu sammeln und zusammenzustellen.

Der Leitfaden
Diese Informationen und die Meinung von verschiedenen Personen, die sich an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit und Social Media bewegen, sind zu einem Leitfaden zusammengestellt und im Rahmen des 10-Jahre-Jubiläums des Vereins sozialinfo.ch im April 2013 publiziert worden. Der Leitfaden soll Mut machen für die gezielte Auseinandersetzung mit der Thematik. Dazu werden die Chancen und Gefahren der Sozialen Netzwerke aufgezeigt, immer fokussiert auf die Soziale Arbeit.

Der Blick richtet sich auf folgende Aspekte und Problemfelder:

  • Möglichkeiten der Nutzung von Social Media in der Sozialen Arbeit
  • Verschiedene Klientengruppen und Social Media
  • Accessibility und Social Media
  • Kontrolle und Datenschutz
  • Persönlichkeitsschutz und Massnahmen
  • Entscheid für oder gegen Social Media

Die Interviews
Neben Artikeln zu verschiedenen Aspekten des Themas wurden Personen an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit und Social Media – also Betroffene, Sozialarbeitende, Institutions- und Rechtsvertreter – befragt, hier vorgestellt mit je einem Zitat:

«Facebook ist ein Land, ist ein Ort in unserer Welt. In diesem Land sollten auch die verschiedenen Stellen von Sozialer Arbeit vertreten sein.»
René Jaun, Accessibility Consultant; sehbehindert/blind

«Wenn es uns nicht gelingt, das Interesse für das Medium zu wecken, wenn der Fokus auf
den Risiken und Gefahren bleibt, dann entsteht wenig Motivation, sich auf Neues einzulassen.» Marcel Küng, soziokultureller Animator – Jugendseelsorge Zürich und www.sozialmedia.ch

«Nicht die Sache selbst ist problematisch, sondern die eigene Einstellung dazu. Wie soll
es möglich sein, sich für angemessene Anwendungsmodi einzusetzen, ohne sich mit dem
Medium auseinanderzusetzen?»
Olivier Grand, Geschäftsleiter bei AvenirSocial

«Ich habe nicht den Eindruck, dass sich Sozialarbeitende Neuem verschliessen und dass
sie Projekte aus dem Bereich Social Media grundsätzlich zurückweisen. Es stellt sich immer die Frage nach den Ressourcen.»
Silvia Schoch-Meyer, Sozialarbeiterin, DFA Zürich

«Ich glaube, dass wir mit unseren Einschätzungen oft danebenliegen. Junge Klienten kommen zwar mit vertrauten Formen von Social Media sehr gut zurecht, komplexere Übertragungen von Wissen und Können funktionieren dagegen weniger gut. Wir neigen dazu, sie zu überschätzen, während wir ältere Menschen oft unterschätzen. Dabei haben gerade die ‹jüngeren Alten›, also die 60- bis 70-jährigen, oft sehr grosses Interesse an den neuen Medien.»
Matthias Naleppa, Dozent Berner Fachhochschule

«Eine Organisation muss ein Leuchtturm sein in einer Flut von Informationen. Es muss
sichtbar sein, dass diese Organisation ein Kompetenzzentrum ist für alle grossen und kleinen Fragen in einem bestimmten Bereich.»
Marie Christine Schindler, mcschindler.com, Senior Consultant

«Unabhängig davon, ob sie diese selber nutzen, sind soziale Institutionen wie andere Organisationen und Unternehmen Gegenstand der Kommunikation in Social Media und müssen sich darauf einstellen, dass ihr Image in der Öffentlichkeit zunehmend durch diese Kommunikation geprägt sein wird.»
Ursula Widmer, Rechtsanwältin Dr. Widmer & Partner

«Ein schönes Bild für den gegenwärtigen Zustand zeigt den Datenschützer, wie er die
virtuellen Netze mit einer rostigen Flinte durchstreift. Er kämpft im Cyberwar, aber mit
untauglichen Mitteln.»
Kurt Pärli, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW

«Die digitale Hektik im täglichen Leben wird verschwinden, und die gesellschaftliche
Kommunikation wird vom Overhead befreit. Die gesellschaftliche Diskussion wird damit
wieder nachhaltiger werden in Bezug auf Gehalt und Themen.»
Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich

«Social Media bieten, wie die digitale Gesellschaft als Ganzes, die grosse Chance, die bestehenden Machtverhältnisse zumindest punktuell ins Wanken zu bringen. Dynamik ist
aber stets ein Risiko, weil Umbrüche starke Gegenkräfte wecken. Der Ausgang des Spiels
ist offen.» Daniel Graf, FEINHEIT Kommunikation – Blog von Daniel Graf

«Heute kann jeder ein Freiheitskämpfer sein, selbst ein Schwerstbehinderter: So lange er
noch in der Lage ist, einen Klick zu machen, kann er seinen Teil beitragen.»
David Siems, Unabhängiger SL-Aktivist, Blogger – selbstbestimmung.ch

Die Strategie
Nach dem Blick nach aussen (Was tut sich da? Was tun die andern?) empfiehlt es sich, in
einem ersten (und dem wichtigsten) Schritt, strategische Überlegungen anzustellen und
seitens der Trägerschaft zu klären, ob und in welchem Rahmen die Nutzung der Social
Media-Kanäle für die Organisation Sinn macht.

Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • Was versteht die Trägerschaft/Geschäftsleitung unter Social Media? (Definition)
  • Was ist das Ziel der Nutzung?
  • Welche Kanäle von Social Media sollen durch die Institution genutzt werden?
  • Sind genügend Ressourcen für die Konzeption, die Erstellung der Profile wie auch für die langfristige Bewirtschaftung und das Monitoring der entsprechenden Kanäle im Social Web vorhanden?
  • Wer wird mit der Konzeption der Umsetzung beauftragt?

Nach der Beantwortung dieser Fragen, kann sich eine Organisation bewusst und frei für
oder gegen Social Media entscheiden.
Gefragt ist also ein klares Ja – oder auch ein klares Nein. Wenig Sinn macht es, der ganzen Frage auszuweichen und den Kopf in den Sand zu stecken, Und genau so wenig Sinn macht es, den Kopf in die Wolken zu strecken und sich blind an dem grossen Hype zu beteiligen.

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